Mythos Schuldgeld – Warum das Geldsystem nicht das Problem ist

 Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen. (Immanuel Kant)

Kritiker des Geldsystems glauben, sämtliches Geld sei “Schuldgeld”. Damit meinen sie, daß Geld ausschließlich durch Schulden entstehen kann und sich sämtliches Geld auf der Welt in Nichts auflöst, wenn alle Schulden getilgt würden. Das “Schuldgeld-System” sei die Wurzel allen Übels. Daraus leiten die Anhänger dieser Theorie ab, mit einem neuen Geldsystem würden alle ökonomischen Probleme gelöst, von Arbeitslosigkeit und Armut über Staatsverschuldung bis hin zum globalen Konkurrenzkampf, Wettbewerb und Leistungsgesellschaft.

Nehmen wir einen typischen Geldsystem-Kritiker beim Wort. “Peters Durchblick” schmückt seinen Blog mit Kants “sapere aude” (“Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen”, siehe oben) und behauptet: “Geld wird heutzutage grundsätzlich und ausschließlich gegen eine Schuld in gleicher Höhe durch Geschäfts- und Zentralbanken geschöpft. Geld entsteht im Kreditprozess durch eine sogenannte Bilanzverlängerung (Aktiv-Passiv-Mehrung) in der entsprechenden Bankbilanz. Aus diesem Grund nennt man das vorherrschende Geldsystem auch Schuldgeld-System und das Geld demzufolge Schuldgeld.

1. Thema verfehlt

Anlass des Schuldgeld-Mythos ist das Problem von Arbeitslosigkeit und Armut, das man angeblich lösen könne, wenn man Geld von Schuld befreie.

Die Ursache liege angeblich darin, daß das Geld für die Zinsen fehle, das gemäß der Geschichte “Fabian der Goldschmied/Banker – gib mir die Welt plus 5%” gar nicht erwirtschaftet werden könne. Das Video zu dieser Geschichte demonstriert den Denkfehler ab 21:53 Minuten, als der Geschäftsmann dem Banker Fabian erklärt, daß das System nicht funktionieren kann, wenn die Bank Geld hortet und aus dem Verkehr zieht. Ab 23:33 Minuten erklärt der Geschäftsmann schließlich, daß das Kredit- und Zinssystem sehr wohl funktionieren könne, wenn die Bank die Zinserträge wieder in die Wirtschaft zurückfließen lassen würde – wie dieser Screenshot aus dem Video zeigt:

Fabian gib mir die welt plus 5 prozent kritik

Die Geschichte läßt Fabian diese Argumentation einfach ignorieren und den falschen Gedankengang einfach weiter spinnen. Die Geschichte hat also das Thema verfehlt, denn ein Problem (wenn auch nicht das größte) ist offensichtlich nicht der Zins, sondern die Hortung von Vermögen. Dieses Problem lösen Vermögensbeschränkungen.

Vor allem beim eigentlich adressierten Problem – Arbeitslosigkeit und Armut – verfehlt der Schuldgeld-Mythos das Thema. Die eigentlichen Ursachen für Arbeitslosigkeit sind das ökonomische Prinzip der Profitmaximierung (siehe “BWL-VWL-Paradoxon“) und damit verbunden Wettbewerb, Kostendruck, Automation, Produktivitätssteigerungen und Mismatch. Gegen all dies hilft kein “schuldfreies” Geldsystem. Kein Unternehmer wird Menschen besser bezahlen und mehr Menschen einstellen, wenn Geld von “Schuld” befreit würde. Geldsystemkritik verfehlt also völlig das Thema. Obwohl es sich infolgedessen nicht wirklich lohnt, sich weiter damit zu beschäftigen, betrachten wir der Vollständigkeit halber die wichtigsten Thesen dieses-Mythos:

2. Die Buchhalter-Denkwelt

In der Tat wird (mit Ausnahme der “freien Liquiditätsreserve“) fast das gesamte Geld, das ein Kreditnehmer von einer Bank geliehen bekommt, von der Bank per Computer “geschöpft”. Banken ist gesetzlich erlaubt, bis zum 100-fachen ihrer Mindestreserve als Kredite zu schöpfen und zu verleihen (dürften sie das nicht, gäbe es sofort eine extreme Kreditklemme).

Dabei verbuchen Banken in ihrer “doppelten Buchführung” einen Geldausgang im “Soll” gegen eine Forderung im “Haben”, während ein Unternehmer, der einen Kredit aufnimmt, in seiner Buchhaltung den Geldeingang im “Haben” und die damit verbundenen Schulden als Verbindlichkeit im “Soll” verbucht. Dem Prinzip der “doppelten Buchführung” ist damit Genüge getan: Zu jeder Buchung muß es eine Gegenbuchung geben, und die Salden aller Konten müssen in Soll und Haben immer gleich hoch sein.

Der Kreditbetrag ist also gleich den Schulden des Kreditnehmers beim Kreditgeber, und solches Geld kann man in der Tat “Schuldgeld” nennen. Sobald der Kreditnehmer seinen Kredit getilgt hat, ist der Saldo aller Forderungs- und Verbindlichkeitsposten Null. Der Kredit ist weg. Problem? Keines.

Geld, daß eine Zentralbank in Umlauf bringt, kann man auf einem Soll-Konto buchen. Muß man aber nicht. Zentralbanken müssen gar nichts. Sie schöpfen Geld aus Luft. Der Buchungssatz lautet “Luft an Geldabfluss.

Problem? Keines. Muss man eine doppelte Buchhaltung in einer Zentralbank führen? Nein. Zentralbanken müssen auch das nicht. Sie können auch kameralistisch buchen, also ohne Gegenkonto, wie es in öffentlich-rechtlichen Institutionen üblich ist. Und selbst, wenn sie auf dem Konto “Luft” im Soll buchen, ist es im Moment der Entstehung keine Schuld – denn es gibt keinen Schuldner. Das liegt ja gerade in der Natur der Sache, wenn man Geld aus Luft schöpft.

Schulden entstehen nur, wenn Banken auf eigene Rechnung Kredite bei der Zentralbank aufnehmen, um damit Geschäfte zu machen. Wenn Banken Geld von der Zentralbank erhalten, um z.B. Geldautomaten mit Bargeld zu bestücken, entsteht kein Kredit, denn das Geld, das ausbezahlt wird und zusätzlich in Umlauf kommt, haben Bürger und Unternehmen erwirtschaftet.

Nun behaupten Manche jedoch (siehe oben), sämtliches Geld würde weltweit ausschließlich durch Kredite entstehen. Geld könne man also unter keinen Umständen erwirtschaften.

Bleiben wir bei der Buchhaltungsargumentation. Es wird argumentiert (siehe oben), daß auch Zentralbanken Geld nur in Umlauf bringen können, indem sie es als Forderung verbuchen, die jemand anders als Schuld/Verbindlichkeit verbuchen muss. Dieser jemand seien die Geschäftsbanken.

Wenn sich z.B. die Deutsche Bank (oder irgend eine andere Geschäftsbank) Euros bei der Europäischen Zentralbank (EZB) leiht, um es weiter zu verleihen, macht das Sinn. Für jeden Euro, den sich die Deutsche Bank bei der EZB leiht, zahlt sie der EZB einen Zins (Leitzins). Verleiht die Deutsche Bank das Geld weiter an Kreditnehmer, nimmt sie höhere Zinsen und macht Profit. Zinsen, die die Deutsche Bank zahlen muss, sind Kosten. Kosten mindern ihren Profit. Folglich nimmt eine Bank nur dann Kredite auf, wenn sie damit auf eigene Rechnung profitable Geschäfte macht.

Nicht nachvollziehbar ist hingegen die Behauptung Banken würden Geld bei der Zentralbank als Kredit aufnehmen, um ihren Kunden Geld zur Verfügung zu stellen, das ohnehin den Kunden gehört (Einlagen). Warum sollten Banken Kosten für etwas tragen, das ihnen keinen Profit bringt? Das macht keinen Sinn.

Die Bundesbank erklärt, daß ein Teil des Geldes durch Kredit entsteht, aber nicht sämtliches Geld: “Alternativ kann die Geschäftsbank dem Kunden einen Vermögenswert abkaufen und den Zahlbetrag gutschreiben. Der Kunde kann den gutgeschriebenen Betrag für Überweisungen nutzen oder auch in bar abheben.” Darüber hinaus entsteht Geld durch Einlagen.

3. Falsche Behauptung: “Geld kann nicht erwirtschaftet werden”

Geld, das Zentralbanken zusätzlich in Umlauf bringen, um die Zahlungsmittel für eine gestiegene Wirtschaftsleistung zur Verfügung zu stellen, wird durch Kredite an Banken in Umlauf gebracht. Das ist in der Tat ein berechtigter Grund zur Kritik, denn diese metghode hat viele Nachteile:

Wenn Banken zu wenig Kredite nachfragen, fließt zu wenig Geld in die Wirtschaft. Bei Denen, die zusätzliches Geld sofort in die Wirtschaft fließen lassen würden (Konsumenten, vor allem die unteren beiden Drittel der Gesellschaft), kommt nichts an. Geld einfach an die Bevölkerung zu überweisen (Beispiel: 500 € pro Person und Monat), war immer ein Tabu – außer einmalig bei Währungseinführungen. Da aber die Zentralbanken mittlerweile Staatsanleihen aufkaufen, ist das auch nicht anderes als Geld zu drucken. Das Tabu ist also gebrochen. Käme es bei der Bevölkerung an, wäre die steigende Inflation ein problem. Die Lösung des Problems sind “IBU / Inflations-Bekämpfungs-Unternehmen

Ein weiterer Punkt: Geld, das irgendwer irgendwann mal als Kredit aufgenommen hat, entschwindet aus dem Schulden-Bereich, sobald es bei Insolvenzen und Vergleichen ausgebucht wurde (siehe unten, Punkt 8). Geld wird auch (!) erwirtschaftet durch Arbeit und unternehmerischen Mehrwert / Profite. Wenn Sie in einer Diskussion mit Geldsystemkritikern mit der Behauptung konfrontiert werden, man könne Geld nie erwirtschaften, ohne daß jemand Schulden macht, stellen Sie doch einfach mal (in Verbindung mit Punkt 8) drei Fragen:

  1. Wenn jemand als Angestellter oder Unternehmer arbeitet oder z.B. ein Buch verkauft und dafür Geld erhält – wer macht dann bei ihm Schulden, warum überhaupt, und warum in gleicher Höhe? Wie genau soll dieser “zwangsläufige Mechanismus” funktionieren?
  2. Wenn ich meinem Kind Taschengeld schenke, hat es dann Schulden bei mir oder ich bei ihm und wenn ja, warum?
  3. Wenn die EZB und die FED zusätzliches Geld in Umlauf bringen, indem sie Staatsanleihen aufkaufen – wer genau hat dadurch bei wem zusätzliche Schulden?

So lange niemand erklären kann, warum es unmöglich sein soll, Geld zu erwirtschaften, kann man nur davon ausgehen, daß die These nicht durchdacht ist. Tatsächlich entsteht Geld nämlich auch (nicht nur) durch Einlagen von Kunden bei Banken, die technisch gesehen eine Geldforderung sind, die auf Bargeld lauten – oder, wie Gablers Wirtschaftslexikon es ausdrückt: “Da die Einlagen bei Banken Forderungen gegen das Bankensystem darstellen, werden diese als Geld bezeichnet.” Genau dies gilt z.B. für Gehaltseinzahlungen, Renteneinzahlungen, Überweisungen für Umsätze von Unternehmen, etc.

4. Der geheimnisvolle “Geld gleich Schuld” – Mechanismus

Auf die Frage nach dem “zwangsläufigen Mechanismus”, durch den ohne Schulden kein Gewinn möglich sein soll, gibt es zuweilen die Antwort, daß “irgendwer im Rest der Welt Schulden aufnehmen muß, um unsere Profite zu finanzieren”. Warum das zwangsläufig und ausnahmslos immer und auch immer in gleicher Höhe so sein soll, konnte bisher niemand erklären, aber man könne es angeblich an Gesamt-Geldstatistiken ablesen. Warum das nicht stimmt, zeigt der Punkt 6 “manipulierte Statistiken und fehlende Daten”.

Eine Ausnahme für nicht erwirtschaftetes bzw. schuldfreies Geld ist Startkapital. Bei der Einführung der D-Mark 1948 erhielt jeder Bürger ein Startkapital von 60 D-Mark (“Kopfgeld”) und jedes Unternehmen ein Startkapital von 60 D-Mark pro Angestelltem (“Geschäftsbetrag”). Wie üblich lautete der Buchungssatz der Zentralbank: “Luft an Geldabfluss”, und selbstverständlich kann auch dieses geschenkte Geld kein Schuldgeld gewesen sein, weil niemand dafür Schulden aufnahm.

Hinzu kam der Umtausch von Reichsmarkvermögen in D-Mark, wobei aus “Reichsmark-Schuldgeld” schuldfreies D-Mark-Geld wurde.

Das Startkapital drängt einen Vergleich mit Monopoly auf. Wenn ich wie beim Monopoly (oder bei der Einführung der D-Mark) als Zentralbank jedem Mitspieler ein gleich hohes Startkapital – sagen wir mal, 10.000 Monopoly-Taler (MT) gebe – wer hat dann bei wem Schulden? Wenn beim Monopoly (mit einem Startkapital von 10.000 MT) ein Spieler A, der 30.000 MT angehäuft hat, einem Spieler B, der nichts mehr besitzt, 10.000 MT leiht, hat B bei A 10.000 MT Schulden. Zahlt B nun A die 10.000 MT Schulden zurück – warum soll dann SAMTLICHES Geld verschwunden sein – auch das Startkapital?

Wenn sämtliche Schuldner der Welt ihre Schulden tilgen würden – warum soll dann auch das Geld von einem Bankkonto verschwinden, dessen Eigentümer niemandem Geld schuldet? Die These, sämtliches Geld würde sich in Luft auflösen, wenn alle Schulden beglichen würden, kann also nicht zutreffen. Lediglich Geld aus Krediten verschwindet durch Tilgung. Das liegt in der Natur der Sache und ist kein Problem. Geld, das nicht geliehen, sondern erwirtschaftet wurde (oder nach Insolvenzen ausgebucht wurde, siehe Punkt 8), kann nicht verschwinden, wenn irgendwo auf der Welt jemand einen Kredit tilgt.

5. Wildes Durcheinanderwürfeln: Geld, Geldbilanzen, Geldvermögen, Gesamtvermögen

Wenn Geld gleich Schuld wäre, also der Gesamtmenge allen Geldes eine gleich große Menge “negativen Geldes” gegenüber stünde, müßte man das ja beweisen können, indem man beide Summen zählt und gegenüber stellt. Wenn Sie auf Ihrem Konto 0 Euro haben und Sie einem Freund 1.000 € leihen, dessen Konto zuvor auch bei 0 stand, steht nach dem Kredit Ihr Bankkonto auf minus 1.000 € und seines auf plus 1.000 €. In einem solchen Fall stimmt die These: Geld gleich Schuld, und einem Plus auf der einen Seite steht ein Minus auf der anderen gegenüber. Aus einer solchen Theorie entstehen die nachfolgende Grafiken.

Die nachfolgende Grafik zeigt Daten, die unvollständig, willkürlich geschätzt und nicht nachprüfbar sind. Die Bundesbank schreibt selbst zu Ihren Quellen und Methoden auf Seite 11 ihrer Finanzierungsrechnung vom Juni 2012, daß sie mit Umfragen, Schätzungen und statistischen Zurechtbiegemethoden arbeitet, weil es “kaum gesonderte Erhebungen” hierfür gibt.

Was sieht man? Aktiva und Passiva der Bankenbilanzen stehen sich 1:1 gegenüber. Das muss in Bilanzen auch so sein, sonst hätte irgendwer auf falsche Konten verbucht. Der Fehler liegt allerdings nicht darin, AUF WELCHEN KONTEN, sondern WAS eigentlich verbucht wurde. Diese angebliche Bilanz zeigt nicht nur Girokonten, sondern auch Wertpapierkonten mit Aktien und Anleihen sowie Versicherungen.

Sie lesen richtig: Die Bundesbank bilanziert und definiert Dinge als Geldvermögen, die definitiv kein Geld sind. Mit Anleihen, Aktien und Versicherungszertifikaten können Sie weder Ihre Miete noch ihre Lebensmittel zahlen. Versicherungen und Aktien sind kein Geld-, sondern Anlagevermögen

Damit ist die nachfolgende Grafik keine Geldstatistik – und kann auch nicht zeigen, daß Geld gleich hohe Schulden gegenüber stehen.

Schulden und Vermögen Deutschland gesamt, Zeitreihe der Bundesbank

Die nachfolgende Abbildung stammt aus der Finanzierungsrechnung der Bundesbank. Hier offenbart sich ein weiterer Fehler der Bundesbank und der “Schuldgeld”-Anhänger: Wenn man schon Forderungen und Verbindlichkeiten bilanzieren will, dann muß die Bilanz auch komplett sein, also SÄMTLICHE Arten von Vermögen berücksichtigen.

Es gibt keinen Grund, Unternehmensbeteiligungen in Form von Aktien bei den 7.732 Aktiengesellschaften mitzuzählen, Unternehmensbeteiligungen in Form von GmbH-Anteilen jedoch nicht – zumal die 528.000 GmbHs die mit Abstand verbreitetste Unternehmensform in Deutschland ist, gefolgt von 208.000 GbR, 141.000 GmbH & Co KG, OHG, KG, u.a. Rechtsformen (siehe Statistisches Bundesamt: Umsatzsteuerstatistik nach Rechtsformen).

Bis auf 1 einzige Art der Unternehmensbeteiligung werden also alle anderen unterschlagen.

Vollends ohne Aussagekraft ist eine Bilanz, die Verbindlichkeiten darstellt, wenn auf der anderen Seite der weitaus wichtigste Vermögenswert fehlt: Immobilien.

Vermögensbilanz Deutschland gesamt, Struktur laut Bundesbank

6. Manipulierte Statistiken und fehlende Daten

“Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast.”(Volksweisheit)

Man kann keine “Geld=Schuld”-These mit Statistiken begründen, wenn man das Vermögen, das den Krediten entgegen steht, nicht vollständig bilanziert.

Wofür nimmt man Kredite auf? Z.B. für ein Auto. Wo sind die Autos, die ja als Sicherheit für solche Kredite fungieren? Nicht in der Geldbilanz. Wo sind Vermögenswerte wie Kunstgegenstände, Schmuck, Antiquitäten, Einrichtungsgegenstände, etc? Auch nicht in der Geldbilanz. Wo sind die 850.000 GmbHs, die GmbH & Co. KGs, OHGs und alle anderen 3,2 Mio. Unternehmen in Deutschland? Warum enthält die Geldbilanz nur den Wert von 12.500 Aktiengesellschaften – bei denen niemand (auch nicht die Bundesbank) eine Ahnung hat, welchen In- und Ausländern welche Anteile gehören?

Und wo sind Immobilien als der mit Abstand größte Vermögenswert, der bei den größten Krediten als Sicherheit dient? Fehlt auch in derGeldbilanz.

Das Magazin “Stern” schrieb am 9.2.2008:
Obwohl hierzulande alles gezählt wird, gibt es keine Stelle, die die Eigentumsverhältnisse auch nur halbwegs überblickt. Das Statistische Bundesamt kann zwar die Zahl der Zweizimmerwohnungen … benennen – aber nicht, wem sie gehören oder was sie wert sind. Beim Staatsbesitz muss sogar das Bundesfinanzministerium passen. … Achselzucken auch bei den Kirchenoberen. Schätzungen wie die des Buchautors Friedhelm Schwarz (“Wirtschaftsimperium Kirche”), es seien 500 Milliarden Euro, können die Klerikalen nicht einmal dementieren – sie wissen es schlicht nicht. … Auch Höhe und Verteilung des Vermögens von Privatleuten liegen nicht wirklich offen. … Zwar publizieren staatliche Organisationen, Institute und Banken immer wieder Studien, die wissen wollen, was die Deutschen auf der hohen Kante haben. Doch die Ergebnisse klaffen – je nach Methode und Absicht – weit auseinander. … beispielsweise jubelte die Allianz, die deutschen Haushalte besäßen insgesamt 10,3 Billionen Euro. Zwei Monate später meldete das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), es seien nur 5,4 Billionen. Während die einen Experten Daten der Banken zusammenzählen, ohne zu wissen, wem das Geld auf den Konten tatsächlich gehört, machen die anderen Forscher persönliche Umfragen, ohne sicher zu sein, ob ihnen Guthaben verschwiegen werden.

Das ifo-Institut ermittelte in Ihrem Gutachten “Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Immobilienwirtschaft” im Juni 2005 ein Immobilienvermögen von 8,21 Billionen €, was eine absolute Untergrenze darstellt und eher unrealistisch niedrig ist. Das Land NRW ermittelte in ihrer Sozialberichterstattung NRW 02/2010 allein für die Privathaushalte aus NRW 2008 ein Geldvermögen von 409 Mrd. € und ein Immobilienvermögen von 813 Mrd. €. Das heißt: Das Immobilienvermögen der Privathaushalte ist ungefähr doppelt so hoch wie deren Geldvermögen. Hochgerechnet auf das gesamtdeutsche Geldvermögen von 4,8 Billionen € dürfte das Immobilienvermögen der Privathaushalte bei über 9 Billionen € liegen. Hinzu kommt das Immobilienvermögen der Unternehmen sowie – als größtes Immobilienvermögen – das von Bund, Ländern und Gemeinden.

Eine weitere Zahl aus der Sozialberichterstattung NRW 02/2010: Vermögen der Privatshaushalte von 1.221 Mrd. € standen lediglich Scgulden von 240 Mrd. € gegenüber. Die Proportion Vermögen zu Schulden lag also bei rd. 5:1.

Wie soll man Schulen, Kindergärten und Universitäten bewerten, die so viel mehr wert sind als die bloßen Gebäude? Wie bewertet man das Straßennetz, das Schienennetz, Wälder, Naturschutzgebiete, das Wattenmeer, Justizsystem, Bundeswehr, Polizei, das Gesundheitssystem oder Bodenschätze, die man zum Großteil gar nicht kennt?

Eine extreme Unterbewertung wären die Verkaufspreise an “Investoren” / Spekulanten. Wer investiert, will möglichst kurzfristigen Profit erzielen. Mit realen Kaufpreisen ist das nich im Entferntesten möglich. Beispiel Straßennetz: Ex- Bundesverkehrsminister Tiefensee warf 2008 die viel zu niedrige Zahl von 180 Mrd. € in den Raum, um anzutesten, ob die Bundesregierung es an Spekulanten verkaufen könnte. Aber stellen Sie sich einmal vor, das Straßennetz wäre von heute auf morgen weg. Dann würde die Wirtschaft, die in Deutschland jährlich über 5 Billionen € umsetzt, kollabieren. In Anbetracht diesere Tatsache liegt der Wert des Straßennetzes weit über der Regierungszahl.

Gleiches gilt für landwirtschaftliche Flächen, die maximal als Bauland bewertet werden. Stellen Sie sich vor, es gäbe keine landwirtschaftlichen Flächen. Das wäre das Ende der Menschheit. Die Summe aller landwirtschaftliche Flächen hat also einen Wert von unendlich vielen €. Ebenso die Gesamtheit aller Pflanzen, ohne die es keine atembare Atmosphäre gäbe. Auch der Wert von Wasser ist unendlich hoch. Und der der Luft. Eine auch nur annähernd treffende Bewertung öffentlichen Vermögens kann es gar nicht geben.

Die Bundeszentrale für politische Bildung fasst zusammen: Eine Statistik über das öffentliche Vermögen gibt es nicht.

Die Geldstatistik der Bundesbank ist also ein Witz, basierend auf völlig aus der Luft gegriffenen Schätzungen und vorsätzlich ausgeklammerten Werten. In der Gesamt-Vermögensbilanz stehen u.a. mitsamt Immobilien, Unternehmensanteilen, Fahrzeugen, Schmuck, Kunst, Infrastruktur und immateriellen Werten mindestens:

Deutschland 2011 Vermögen Schulden
Öffentliche Hand 20 Billionen € (siehe oben) 2,1 Billionen €
Unternehmen nicht bezifferbar 2,3 Billionen €
Privathaushalte > 14 Billionen € (siehe oben) 1,6 Billionen €
Kirchen 0,5 Billionen € ?
Gesamt über 35 Billionen € ca. 7 Billionen €

Die Vermögen übersteigen die Schulden also um ein Vielfaches.

Mit solchen Fakten konfrontiert, flüchten sich “Schuldgeld”-Anhänger zuweilen in die Behauptung, eine andere Bundesbank-Statistik zeige analog zur obigen Grafik “Bankenaktiva/Bankenpassiva”, daß weltweit die Schulden und die Geldmenge stets gleich hoch seien. Die Gesamtvermögen und Gesamtschulden sämtlicher Staaten, Unternehmen und Bürger der Welt seien per Saldo Null. Auf die Frage, woher denn die Bundesbank wissen will, wieviele Schulden jeder Bauer in Burma und jedes Unternehmen in Uganda hat, antworten die Geldsystem-Kritiker mit der Unanfechtbarkeit von Bundesbank-Statistiken.

Wie wenig die Bundesbank-Geldvermögensstatistik mit der Realität zu tun hat, ist oben bewiesen. Daß Staaten wie China und Russland ihre Wirtschaftsdaten geheim halten und bestenfalls manipuliert verkünden, hindert die Bundesbank ebenso wenig an angeblichen weltweiten Schulden- und Vermögensstatistiken wie die Erfahrung, daß die meisten Länder solche Daten überhaupt nicht erfassen und Länder wie Griechenland volkswirtschaftlichen Statistiken nachweislich manipulieren, um die Geldgeber zu weiteren Krediten zu motivieren.

Machen Sie doch einmal selbst einen Test. Fragen Sie die Bundesbank, wie viele Dollars es eigentlich weltweit gibt. Und fragen Sie auch gleich nach Quellenangaben. Wir haben das getan. Antwort der Bundesbank: “Wir wissen nicht, wie viele Dollars es gibt.” Wie kann die Bundesbank eine weltweite Geldvermögenstatistik erstellen, wenn sie nicht einmal das Volumen der wichtigsten Währung der Welt kennt?

7. Geldmengenerhöhung und Umschlagshäufigkeit

Geld ist das Blut der Wirtschaft. Je mehr Wirtschaftstätigkeit es gibt, desto öfter wechselt Geld den Besitzer. Zentralbanken erhöhen (wenn auch auf keine intelligente Weise, siehe 3.) ständig die Geldmenge, um der steigenden Wirtschaftsleistung zu folgen und Liquiditätsengpässe zu verhindern. Dabei spielt auch die Umlaufgeschwindigkeit eine Rolle. So, wie die Blutmenge des Menschen je nach Intensität der körperlichen Leistung (rd. 530.000 x pro Jahr) im Körper zirkuliert, zirkuliert auch Geld je nach Intensität der Wirtschaftsleistung.

Im Euroraum waren im August 2012 921,8 Mrd. Euro Bargeld in Umlauf. Rechnet man Giralgeld auf Bankkonten hinzu, erhält man die so genannte “Geldmenge M1”, die für den wirtschaftlichen Zahlungsverkehr zur Verfügung steht und die 2012 bei rd. 5 Billionen € lag. Die Gesamtumsätze aller umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen lag 2012 im Euro-Raum bei rd. 22 Billionen €. Zzgl. nicht-umsatzsteuerpflichtigen Umsätzen wurden rd. 25 Billionen € umgesetzt.

Das heißt: Jeder Euro hat allein durch Unternehmensumsätze durchschnittlich rd. 5 x im Jahr den Besitzer gewechselt. Rechnet man Zahlungsströme bei Steuern, Versicherungen, Sozialversicherungen, Wertpapiergeschäften, Gesundheitsdienstleistungen, Seniorenpflege etc. hinzu, wechselt jeder Euro 10-20 mal im Jahr den Besitzer (exakte Statistiken gibt es nicht). Ein mehrfacher Umlauf hat den gleichen Effekt wie eine entsprechende Vergrößerung der Geldmenge – jedoch ohne zusätzliche Kredite.

8. Schuldfreies Geld nach Insolvenzen

Zeichnen wir den typischen Weg des Geldes nach, das bei einer Insolvenz “verloren” geht: Eine Zentralbank leiht es einer Geschäftsbank. Die Geschäftsbank leiht es an Unternehmen. Ein Teil der Unternehmen geht in die Insolvenz. Wo ist das Geld? Ist es weg? Natürlich nicht, Es hat den Eigentümer gewechselt. Es floss an Angestellte, Vermieter, Energieversorger, Finanzamt und Lieferanten. Von dort aus fließt es weiter im Wirtschaftskreislauf. Aus Sicht der Bank ist das Geld eine Forderung, die abgeschrieben wird.

Von Privatpersonen bis zu Großpleiten lag die durchschnittliche Forderung (lt. aktuellster Insolvenzstatistik des Statistischen Bundesamtes vom 10.01.2013) pro Insolvenz bei 400.089 €. Laut der gleichen Statistik gabe es in den letzten 10 Jahren (2003-2011) 1.114.991 angemeldete Insolvenzen, davon 346.459 Unternehmensinsolvenzen. Insolvenzsspezialist “Creditreform” nennt für 2012 einen Insolvenzschaden von 38,5 Mrd. € (Netto-Zahlungsausfälle unter Einbeziehung von Restvermögen). Zahlungsausfälle, in denen Insolvenzferfahren “mangels Masse” abgelehnt wurden, weil nicht einmal mehr Geld mehr zur Durchführung des Verfahrens vorhanden war, fehlen in dieser Statistik.

Das heißt: Allein 2012 sind in Deutschland 38,5 Mrd. € durch offizielle Unternehmensinsolvenzverfahren vom Kreditsystem in den kreditlosen freien Geldverkehr “entkommen”. Wieviele Milliarden Euro sind im gesamten Euro-Raum aus der Geldbilanz entwichen?

Die Creditreform-Studie “Insolvenzen in Europa 2012/2013” listet für Westeuropa rd. 178.000 offizielle Insolvenzen auf, davon über 138.000 im Euro-Raum. Daran hatte Deutschland einen Anteil von rd. 20%. Hochgerechnet wären also allein 2012 im gesamten Euro-Raum offiziell ca. 192,5 Mrd. € entwichen. Das sind allein in einem Jahr 3,76% der gesamten Euro-Geldmenge M1 von 5.113 Mrd. € (Januar 2013).

Hinzu kommt schuldenfreies Geld aus “Währungsreformen”, also dem Umtausch von alten in neue Währungen. Beispiel:

Von 1949 bis 2001 gabe es ebenfalls Insolvenzen in Deutschland. Gläubiger mußten D-Mark Forderungen nach Insolvenzen abschreiben und ausbuchen. Damit waren Insolvenzausfälle eines halben Jahhrunderts raus aus den Schulden, als 2002 der Euro eingefürt wurde. Schuldfreie D-Mark wurden in Euro umgetauscht, ohne daß irgendwer dafür einen Kredit aufnehmen mußte. Das gleiche geschieht Jahr für Jahr bei sämtlichen Insolvenzen aller Länder seit Einführung ihrer jeweiligen Währungen. Das bedeutet:

Es sind mehr durch Insolvenzen/Vergleiche ausgebuchte Euros in Umlauf, als die EZB offiziell verbucht. Wahrscheinlich ist der größte Teil allen Geldes, das nicht direkt verliehen wurde, mittlerweile ohne Schuldenbelastung in Umlauf.

Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Tatsächlich läuft der “Entschuldungsprozess” noch schneller, denn die offiziellen Zahlen geben nur einen Teil der Realität wieder. Nehmen wie als Extrembeispiel Griechenland: Laut Creditreform und Handelsblatt vom 15.07.2013 gingen 2012 nur 415 griechische Unternehmen in ein Insolvenzverfahren, aber 69.000 weitere Unternehmen mußten nach Zahlungsunfähigkeit schließen. Das liegt zum Teil am griechischen Insolvenzrecht, das jedoch auch in Deutschland viele Zahlungsausfälle statistisch unsichtbar macht.

Noch viel größer ist die “ausgebuchte” und statistisch nicht erfasste Geldsumme aus Schuldenschnitten bzw. Vergleichen zwischen Gläubigern und Schuldnern – und zwar sowohl auf Ebene der Privathaushalte als auch auf Ebene von Unternehmen und Staaten. Hinzu kommen Privatinsolvenzen sowie Staatsbankrotte wie in Argentinien, oder Schuldenerlasse in der 3. Welt. Deutschlands letzter Schuldenschnitt wurde übrigens durch das Londoner Schuldenabkommen 1953 vollzogen.

9. Fazit: “Geld gleich Schuld” weder korrekt noch ein Problem

Fassen wir zusammen:

  • Geld, das man als Kredit erhält, kann man als “Schuldgeld” bezeichnen. Das liegt in der Natur der Sache, und es ist kein Problem.
  • Wie man es auch dreht und wendet: Die Vermögen liegen um ein Vielfaches über den Schulden.
  • Die Behauptung, man könne kein Geld erwirtschaften, sondern ausnahmslos immer nur durch “Schuld” entstehen lassen, ist widerlegt.
  • Offensichtlich irrelevant ist auch die Buchhaltungsargumentation. Geldsystemkritiker können Bibliotheken über Buchungssätze und Bilanzierungsrichtlinien schreiben. Daß Buchhaltungsargumentationen irrelevant sind (siehe Punkte 2 und 8), blenden sie aus. Was sie dabei auch noch vergessen, ist eine Alternative. Wenn Buchungssätze der Grund für “Schuldgeld” sein soll, dann hätte man gern erfahren, wie den “schuldfreies” Geld verbucht würde.
  • Jahr für Jahr wechseln durch Insolvenzen und Vergleiche allein in Deutschland hohe 2-stellige Milliardenbeträge vom Kreditkreislauf in den Kredit-freien Geldkreislauf. Im gesamten Euro-Raum entweichen durch offizielle und inoffizielle Zahlungsausfälle 3-stellige Milliardenbeträge aus der Geldbilanz. Alles Geld, daß nach Zahlungsausfällen als Forderung ausgebucht wird, ist schuldenfrei. Geldbilanzen sind irrelevant, weil jedes Jahr hunderte Milliarden Euro einfach nicht mehr bilanziert werden, aber immer noch vorhanden sind – entweder innerhalb des Geldkreislaufs oder als Ersparnisse. Es ist also definitiv falsch, daß man ohne Schulden von anderen nicht sparen kann. Die inoffiziellen Ersparnisse steigt um die Summe aller abgeschriebenen Gelder – da das offiziell gebuchte Geld immer plus/minus Null gebucht wird. In den letzten 10 Jahren summiert sich das “ausgebuchte Geld” auf ca. 2-3 Billionen Euro. Bei anderen Währungen ist es ebenso.

Vor allem aber verfehlt der “Mythos Schuldgeld” seine Zielsetzung. Wird irgendein Unternehmen darauf verzichten, zu rationalisieren, immer produktiver zu werden, Arbeitsplätze abzubauen und die verbleibenen Arbeitsplätze angesichts des Überangebots an Arbeitnehmern so niedrig wie möglich zu bezahlen? Wohl kaum. Also ist die Schuldgeld-Diskussion eher akademisch.

Als Konsequenz daraus empfehlen wir den Schuldgeld-Anhängern, die Investition ihrer Lebenszeit zu überdenken und auf das problemlösende, umsetzbare und mehrheitsfähige Bandbreitenmodell zu fokussieren.

In diesem Zusammenhang ist auch das “Zinsproblem” letztendlich kein Problem von Kreditzinsen, sondern ein Profitproblem und ein Problem der Akkumulation von Vermögen.